schachverein bad mergentheim

Gelungene Rückkehr in die Schachbundesliga

Jachym Nemec (vorne), Fy Rakotomaharo und Vyacheslav Ikonnikov warten an den Brettern sechs bis acht auf den Beginn ihrer Partien.

Besser hätte die Rückkehr in die stärkste Schachliga der Welt kaum beginnen können. Am ersten Spieltag der neuen Saison holten die Schachfreunde Anderssen Bad Mergentheim beim Ausrichter SK Kirchweyhe vor den Toren Bremens vier von sechs möglichen Mannschaftspunkten. Zuerst schlugen sie den früheren Deutschen Meister Düsseldorf, dann spielten sie gegen SF Berlin und die Gastgeber aus Kirchweyhe jeweils unentschieden. Mit etwas mehr Kaltschnäuzigkeit wäre sogar noch mehr drin gewesen.

Die Ausgangslage war klar. Saisonziel des Aufsteigers ist der Klassenerhalt, und dafür müssen vor allem gegen die direkten Konkurrenten Punkte her. Genau solche Gegner warteten an diesem Wochenende. Erstmals wird die Bundesliga im neuen Format mit fünf Dreifach-Spieltagen statt sieben Doppelrunden gespielt, ein Wochenende kann also schon über viel entscheiden. Mannschaftsführer Johannes Raps hatte vor der Saison betont, dass die Mannschaft gegenüber der ersten Bundesliga-Saison an Erfahrung gewonnen habe und die Spieler einander vertrauten. Beides werde im Abstiegskampf wichtig sein. Dass es gleich am ersten Wochenende darauf ankommen würde, ahnte da wohl noch niemand. Immerhin konnte Teammanager Klaus Kistner an allen drei Tagen die nominell stärkste Acht an die Bretter bringen.

Zum Auftakt am Freitag traf man auf Düsseldorf. Der Deutsche Meister des Jahres 2025 holte den Titel ausgerechnet in der Saison, in der die Schachfreunde absteigen mussten. Die Rheinländer traten allerdings ohne ihre prominentesten Spieler an. Für Raps war das Anlass zu vorsichtigem Optimismus, er warnte aber davor, den Gegner zu unterschätzen. Die Devise lautete, solide zu spielen und die nominelle Überlegenheit geduldig auszuspielen.

Der Start verlief allerdings holprig. Nach dem schnellen Remis von Tomas Laurusas verrechnete sich Valeriy Kazakovskiy gegen Großmeister Postny und verlor, und die Kurstädter lagen zurück. Die Punktegaranten der vergangenen Saison Timothe Razafindratsima und Paulius Pultinevicius machten den Rückstand mit zwei Siegen schnell wieder wett. Von den vier noch laufenden Partien standen drei besser und eine ausgeglichen. Alles schien nach Plan zu laufen.

In der Zeitnotphase überschritt der Gegner von Fy Rakotomaharo in schlechterer Stellung die Bedenkzeit. Nun fehlte nur noch ein einziger Punkt zum Sieg. Doch ausgerechnet jetzt kippten die Stellungen von Jachym Nemec und Vyacheslav Ikonnikov. Raps blieb nichts anderes übrig, als die Marschroute zu ändern: kein Risiko mehr, jeder halbe Punkt zählt. Maxim Rodshtein einigte sich am Spitzenbrett auf Remis. Ikonnikov wickelte routiniert ebenfalls ins Remis ab und sicherte so den Mannschaftssieg. Das Aufatmen im Team war deutlich zu vernehmen.

Den Schlusspunkt setzte Nemec auf kuriose Weise. Der junge tschechische Nationalspieler hatte anfangs gut gestanden, doch nach und nach wurde seine Stellung erst ausgeglichen und dann immer hoffnungsloser. Überraschend setzte ihn sein Gegner Knüdel auf einmal patt, und Nemec rettete sich so glücklich ins Remis. Mit dem 5:3-Auftaktsieg war der erste Schritt getan.

Am Samstag folgte mit SF Berlin ein direkter Konkurrent im Abstiegskampf. Die Vorgabe von Raps war klar: Nach dem Sieg vom Vortag durfte dieses Spiel nicht verloren gehen, ein Mannschaftsunentschieden wäre dagegen in Ordnung. Was folgte, war ein Kampf, in dem lange alles möglich war. Nach dem Remis von Rodshtein gegen Movsesian am Spitzenbrett waren viele Stellungen unklar. An den Brettern zwei, vier und fünf standen die Schachfreunde eher schlechter, an den Brettern drei, sieben und acht eher besser. Wohin das Pendel ausschlagen würde, konnte niemand sagen.

Kazakovskiy rettete seine schwierigere Stellung gegen Moranda ins Remis. Noch vor der Zeitkontrolle gewann Rakotomaharo überzeugend im Angriff gegen Schneider. Razafindratsima wählte ebenfalls den bedingungslosen Angriff. Vielelicht wäre dies letztes Jahr in der Zweiten Liga noch gut gegangen, doch in der Ersten trifft man auf andere Kaliber. Seine Opfer verpufften und als auch die Zeitnotphase überstanden war, musste er in hoffnungsloser Stellung aufgeben. Den folgenden Verlust von Nemec glich Ikonnikov postwendend aus. Als anschließend Tomas Laurusas eine eher schlechtere Stellung remis halten konnte, sah es für die Schachfreunde weiter recht gut aus.

Beim Stand von 3,5:3,5 lief nur noch eine Partie. Pultinevicius stand gegen Tomczak auf Gewinn, und die Hoffnung auf seinen zweiten Sieg war groß. Der Schnellschach-Europameister sollte auf Weisung seines Mannschaftsführers weiterspielen und den vollen Punkt holen, ein Verlustrisiko bestand in der Stellung kaum. Doch im forcierten Endspiel mit vier Bauern gegen einen Läufer fand der Mergentheimer den Weg zum Sieg nicht. Wie die Analyse hinterher zeigte, wäre er gleich mehrfach möglich gewesen. So blieb es beim 4:4. Das Ergebnis war gerecht für einen Kampf auf Augenhöhe, und doch war die Enttäuschung den Spielern anzusehen.

Am Sonntag hieß der Gegner Kirchweyhe, und hier hatten die Schachfreunde noch eine Rechnung offen. Im Februar 2025 hatte man gegen die Gastgeber knapp mit 3,5:4,5 verloren, und diese Niederlage trug am Ende entscheidend zum Abstieg bei. Kirchweyhe trat mit acht Großmeistern in Bestbesetzung an und war nominell klar stärker. Die Marschroute von Raps war entsprechend vorsichtig: Gegen die nominell überlegenen Gegner auf remis spielen und geduldig auf Fehler warten.

Der Kampf begann ganz nach diesem Plan. Nemec, Rakotomaharo und Laurusas einigten sich in ausgeglichenen Stellungen auf Remis. Danach wurden die Stellungen an den Brettern eins und fünf schlechter, während die Schachfreunde an den Brettern zwei und drei Vorteile hatten. Es folgte eine hochspannende Zeitnotphase. Rodshtein musste gegen den Weltklassespieler Saric aufgeben, und Bad Mergentheim lag zurück.

Dann schlugen Kazakovskiy und Ikonnikov zurück. Ersterer besiegte den nominell stärksten Kirchweyher Ter-Sahakyan, letzterer gewann gegen den in etwa gleich starken Zelcic. Beide spielten ihre Vorteile nach der Eröffnung konsequent aus, und wendeten mit ihren Siegen den Mannschaftskampf zur 3,5:2,5-Führung. Plötzlich war der Sieg gegen den Favoriten zum Greifen nah.

Zwei Partien liefen noch. Pultinevicius hatte eine Qualität mehr, Razafindratsima stand inzwischen sehr schlecht. Sollte er erwartungsgemäß verlieren, musste sein Mannschaftskollege zum Mannschaftssieg gewinnen. Pultinevicius spielte denn auch so lange wie möglich auf Sieg, der tatsächlich zum Greifen nahe war. Doch wie schon am Vortag reichte es nicht, sein Gegner verteidigte sich geschickt und zäh. Nachdem nur noch Turm gegen Läufer übrig war, musste der Mergentheimer ins Remis einwilligen. Kurz darauf gab sein Mannschaftskollege auf, und es stand 4:4. Es war ein Ergebnis, mit dem man vor dem Spiel sicher zufrieden gewesen wäre. Nach dem Spielverlauf überwog aber zunächst das Gefühl, einen Sieg verschenkt zu haben.

Mit 4:2 Punkten steht Bad Mergentheim auf dem siebten Platz und hat bereits ein ordentliches Polster von vier Punkten auf die Abstiegsränge. Doch schon in der ersten Bundesliga-Saison war man mit drei von vier Punkten stark gestartet und am Ende abgestiegen. Erfolgreichste Spieler des Wochenendes waren ausgerechnet Fy Rakotomaharo und Vyacheslav Ikonnikov, die in der Aufstiegssaison noch etwas hinter den Erwartungen zurückgeblieben waren. Damals standen sie meist im Schatten der überragenden Razafindratsima und Pultinevicius. Jetzt in Kirchweyhe holten beide jeweils sehr gute 2,5 Punkte aus drei Partien gegen deutlich stärkere Gegner als in der Zweiten Liga und waren damit die entscheidenden Spieler des guten Saisonstarts.

Weiter geht es vom 13. bis 15. November. Dann sind die Schachfreunde selbst Ausrichter in Löffelstelzen, im bewährten Ambiente des Gemeindesaals. Sie treffen auf Mitaufsteiger Remagen-Sinzig, den FC Bayern München und Werder Bremen. Dass der Heimvorteil den Ausschlag geben kann, hat die vergangene Saison eindrucksvoll gezeigt. Zuschauer sind herzlich eingeladen, die Partien zu verfolgen und die Mannschaft zu unterstützen.

12.10.2026